Deutschlands Flagge

Studienkolleg – Was ist das?

Das Studienkolleg bereitet Studienbewerberinnen und -bewerber auf ein Studium an einer deutschen Hochschule vor. Wenn Sie in Ihrem Heimatland einen Schulabschluss erworben haben, der dort zu einem Studium berechtigt, aber in Deutschland nicht als Hochschulzugangsberechtigung (HZB) anerkannt wird, dann müssen Sie vor Studienbeginn ein Studienkolleg besuchen. Dies ist notwendig, weil das Schulsystem, die Unterrichtsinhalte oder die Dauer des Schulbesuchs Ihres Heimatlandes so anders als in Deutschland sind, dass ein Vorbereitungsstudium in einem Studienkolleg zwingend erforderlich ist, um erfolgreich zu studieren.
Die genauen Unterrichtsinhalte und die formalen Bestimmungen unterscheiden sich in manchen Details von Studienkolleg zu Studienkolleg, von Bundesland zu Bundesland. Die Internetportale des jeweiligen Studienkollegs, das Sie besuchen werden, bieten hier genauere Information zu Unterricht, Aufnahme- und Abschlussprüfungen (Feststellungsprüfung, FSP).
Aber im Wesentlichen haben die Studienkollegs eine identische Vorstellung von Unterricht, vergleichbare Anforderungen und gemeinsame Ziele. Immerhin können Sie nach einer erfolgreichen Feststellungsprüfung in ganz Deutschland studieren. Das Kompetenzprofil der Studienkollegs informiert Studienbewerberinnen und -bewerber, Dozentinnen und Dozenten, Fachkräfte im Bildungsbereich oder ganz allgemein die interessierte Öffentlichkeit über Leitlinien und Selbstverständnis von Bildung und Unterricht am Studienkolleg:

Kompetenzprofil der Studienkollegs

1.1 Selbstverständnis der Studienkollegs im Rahmen der Kompetenzorientierung

Die Studienkollegs sind eine Einrichtung für internationale Studienbewerberinnen und -bewerber. Der Unterricht fördert neben der Vermittlung von fundiertem Fachwissen gezielt den Erwerb von allgemeinen, sprachlichen und fachlichen Kompetenzen, die für ein erfolgreiches Fachstudium grundlegend sind. Diese Kompetenzen sind ausgerichtet an den Anforderungen eines Hochschulstudiums in Deutschland, um eine nachhaltige Studierfähigkeit zu gewährleisten.

a) allgemeine Kompetenzen für ein Fachstudium

Die Studierenden erweitern ihre sozialen und interkulturellen Kompetenzen durch Interaktion in einem international ausgerichteten Lehr- und Lernumfeld. Sie respektieren sich gegenseitig in ihren unterschiedlichen religiösen, politischen und kulturellen Vorstellungen unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Ethnie, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, ihres Alters oder einer Behinderung, und zwar im Sinne der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.
Sie entwickeln einen souveränen Umgang mit der Lehr- und Lernkultur an deutschen Hochschulen und erwerben insbesondere Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit, Zeitmanagement, selbstorganisiertes und eigenverantwortliches Lernen und Arbeiten.

b) sprachliche Kompetenzen für ein Fachstudium

Der Unterricht an Studienkollegs fördert den Erwerb allgemein-, fach- und wissenschaftssprachlicher Kompetenzen bis zum Niveau C1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens.
Die Studierenden erweitern ihre kommunikativen Kompetenzen durch aktive Teilnahme in allen Fächern und gemeinsames Lernen und Arbeiten in einem lernerzentrierten Unterricht; sie verbessern ihre schriftliche Ausdrucksfähigkeit durch das Nutzen von fachspezifischen Schreibanlässen. Die Festigung sprachlicher Strukturen und der Aufbau eines adäquaten Fachwortschatzes sind Grundlage für den weiteren akademischen Spracherwerb:

  • Lesen – Die Studierenden verstehen wissenschaftliche und wissenschaftsorientierte Texte und setzen sich mit diesen auseinander.
  • Hören – Die Studierenden verstehen und verarbeiten mündlich vorgetragene Informationen sowohl in allgemeinsprachlichen als auch in wissenschaftssprachlichen Kontexten wie Vorlesung, Vortrag, Fachdiskussion, Debatte.
  • Schreiben – Die Studierenden beherrschen Grundlagen des wissenschaftlichen Schreibens. Sie verfassen logisch strukturierte und zusammenhängende Texte und sind in der Lage komplexe Sachverhalte darzustellen und zu erörtern.
  • Sprechen – Die Studierenden kommunizieren sicher in typischen akademischen Kontexten wie Diskussion, Referat, Präsentation.

c) fachliche Kompetenzen

Die Studierenden beherrschen die für einen erfolgreichen Einstieg in ein Fachstudium relevanten Inhalte und Methoden. Sie verschaffen sich einen Überblick über fachlich relevante Themen und vertiefen exemplarisch einzelne Fachthemen und Fragestellungen. Sie verfügen über ein grundlegendes Repertoire gängiger Methoden wissenschaftlichen Arbeitens und wenden diese sicher an, wie das Analysieren und Interpretieren von Sachverhalten, Statistiken und Texten sowie Experimentieren.
Beim selbständigen Problemlösen beherrschen sie unterschiedliche Anforderungsbereiche:

  1. Souveräner und funktionsbezogener Umgang mit Wissen, z. B. um Inhalte zu systematisieren, zu strukturieren, zu hierarchisieren, Schwerpunkte zu setzen und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden (Operatoren wie nennen, beschreiben, skizzieren…)
  2. Anwenden von Kenntnissen und Fertigkeiten, z. B. um Aufgaben auf der Grundlage von Gesetzmäßigkeiten, Materialien oder der Auswertung von Experimenten zu bearbeiten und zu lösen (Operatoren wie berechnen, analysieren, erklären…)
  3. Transfer auf neue Problemstellungen und Reflexion eingesetzter Methoden und gewonnener Erkenntnisse, z. B. um begründet zu folgern und zu urteilen (Operatoren wie beweisen, interpretieren, Stellung nehmen…)

1.2 Unterricht an Studienkollegs

Deutsch ist Arbeitssprache im Unterricht aller Fächer am Studienkolleg. Für ein erfolgreiches Fachstudium ist es nötig, dass die internationalen Studierenden die jeweils relevante Wissenschafts- und Bildungssprache beherrschen. Der Unterricht am Studienkolleg fördert gezielt den Erwerb dieser für den Studieneinstieg erforderlichen Kompetenzen. Fachunterricht ist somit immer auch Fremdsprachenunterricht. Voraussetzung für einen gelingenden Fachunterricht ist neben der Fachkompetenz und Fachdidaktik auch die Bereitschaft und Verantwortung der Lehrenden aller Fächer, sich mit Fragen der Fremd- bzw. Fachsprachendidaktik zu befassen sowie den mündlichen und schriftlichen Sprachgebrauch sprachsensibel zu fördern.

Kompetenzorientierung am Studienkolleg

Der Unterricht am Studienkolleg fördert den Kompetenzerwerb. Im Mittelpunkt stehen fachliche und überfachliche Kompetenzen wie Anwendung von erworbenem Wissen und die Fähigkeit, fachspezifische Probleme selbstständig auf der Grundlage von geeigneten Methoden in variablen Kontexten zu lösen.
Der Unterricht berücksichtigt somit Prinzipien der Kompetenzorientierung wie Problemlösen und Nachhaltigkeit, Lebensweltbezug und Anschaulichkeit, exemplarisches Lernen und Selbstständigkeit, Handlungs- und Produktorientierung sowie die Reflexion des Lernprozesses.
Kompetenzen und Inhalte bedingen sich gegenseitig. Als Grundlage für den Erwerb von Kompetenzen vermittelt das Studienkolleg daher einen Grundstock an essentiellem Fachwissen sowie darüber hinaus eine Auswahl relevanter Inhalte. Der Erwerb von Kompetenzen erfolgt maßgeblich über das Bearbeiten und Lösen von Aufgaben. Im Mittelpunkt steht somit eine operatorengestützte Aufgabenkultur mit Lern-, Übungs- und Prüfungsaufgaben. Bei Leistungserhebungen und in der Feststellungsprüfung werden alle Anforderungsbereiche berücksichtigt.
Die Feststellungsprüfung ist am Kompetenzprofil der Studienkollegs (Ebene 1), an den Kompetenzprofilen der jeweiligen Fächer (Ebene 2) und an den studienkolleginternen Fachlehrplänen (Ebene 3) ausgerichtet und orientiert sich in ihren Anforderungen am Niveau der Hochschulzugangsberechtigung in Deutschland.


1.3 Lehrende und Studierende als Akteure im kompetenzorientierten Lehr- und Lernprozess

Lehrende am Studienkolleg

Lehrende am Studienkolleg gestalten gemeinsam mit den Studierenden engagiert ein multi- und interkulturelles Lern- und Arbeitsumfeld. Sie verfügen über ein hohes Maß an interkultureller Kompetenz und die Bereitschaft, diese im Umgang mit den Studierenden und in Fortbildungen weiterzuentwickeln.
Als Fachdozentinnen und Fachdozenten verfügen sie ferner mit Blick auf die Hochschule über eine ausgeprägte fachliche Kompetenz und pädagogische Souveränität in der Erwachsenenbildung. Sie vermitteln, steuern und fördern den selbstständigen Kompetenzerwerb in allen Fächern. In Methodik und Didaktik berücksichtigen die Lehrenden die besonderen Anforderungen, die sich an der Schnittstelle zwischen der Vorbildung der Studierenden und der Hochschule ergeben.
Angesichts der ausgeprägten Heterogenität der Studierenden hinsichtlich ihres kulturellen Hintergrunds und der jeweiligen Bildungstradition der Herkunftsländer übernehmen die Lehrenden eine besondere Verantwortung in der individuellen Förderung der Lernenden durch Differenzierung des Unterrichts.
Wissensvermittlung durch Instruktion und Befähigung zur selbständigen Konstruktion sind deshalb gleichermaßen Grundlagen des Unterrichts am Studienkolleg.

Studierende am Studienkolleg

Die internationalen Studierenden am Studienkolleg sind offen für alle Erfahrungen und Herausforderungen, die ein Studium in Deutschland mit sich bringt. Sie entwickeln oder erweitern ihre interkulturelle Kompetenz, d. h. beispielsweise die Fähigkeit und die Bereitschaft, in einer multikulturellen Lernumgebung offen und konstruktiv zu agieren. Sie lernen miteinander und voneinander, dabei sind sie bereit, Fremdes und Widersprüchliches zu tolerieren oder ggf. auszuhalten.
Durch Engagement, Fleiß und eine angemessene Arbeitshaltung steuern die für ihr Studienziel geeigneten Studierenden maßgeblich ihren Lernerfolg. Sie übernehmen somit eine Eigenverantwortung für ihren Kompetenzzuwachs und Wissenserwerb. Deshalb nehmen sie regelmäßig und aktiv am Unterricht teil und bereiten diesen z. B. über Hausaufgaben selbstständig vor und nach. Sie entwickeln personale, soziale und kommunikative Kompetenzen wie Selbstorganisation, Teamfähigkeit oder Präsentieren von Ergebnissen. Im Unterricht rezipieren die Studierenden also nicht nur, sondern sie erstellen auf der Grundlage von erworbenen Kompetenzen und erworbenem Wissen Produkte und gestalten den Unterricht sowie das Leben am Studienkolleg mit.

Kommentar zum Projektplan

Das Kompetenzprofil in der vorliegenden Leipziger Fassung vom 06.05.2019 enthält bislang nur die Ebene 1 als Grundlage eines umfassenden und sich in Arbeit befindlichen mehrjährigen Projekts. Es ist einerseits fortan eine Grundlage für den Unterricht an Studienkollegs. Andererseits bildet es eine verbindliche Basis für die sukzessive Erarbeitung der Kompetenzprofile der Fächer (Ebene 2) und der studienkolleginternen Fachlehrpläne (Ebene 3). Nach derzeitigem Planungsstand wird die Ebene 2 Mitte 2020, die Ebene 3 im Anschluss daran erarbeitet werden.


Leipzig, 06.05.2019

 

Die Arbeitsgemeinschaft der Studienkollegleiterinnen und -leiter